Lans Tonstudio – Blog Rec_02.02.2017

Gangsta 4 Life ... oder so ähnlich.

Achte auf das Vokabular und die Aussagen deiner Texte.

Den Kopf voller Sorgen

Am letzten Dienstag ließ sich „Snipez“ das erste mal im Tonstudio blicken. Er hatte mich über Facebook angeschrieben und nach einem Aufnahmetermin gefragt, und die Arbeit funktionierte sehr gut. Snipez hatte seinen Text auswendig drauf und präsentierte einen Track mit dem Titel „Den Kopf voller Sorgen“. Noch vor der Aufnahme haben wir uns darüber unterhalten, dass wir im Lux prinzipiell keine Texte aufnehmen, die Frauenverachtend sind oder vulgär oder die Gewalt verherrlichen oder in einer sonstigen Form eine Einstellung zum Ausdruck bringen, die wir aus pädagogischer Sicht nicht vertreten können.

An sich ist nun der Track von Snipez eine coole Angelegenheit, und Snipez selbst ist meinem ersten Eindruck nach ein entspannter und abgeklärter Typ. Als Rapper ist er außerdem professionell, so dass der Track innerhalb kürzester Zeit im Kasten war. Die Frage, die ich mir ein wenig bei der Aufnahme und dann noch mehr beim Mischen stellte, ist ob und wie viele pädagogisch unkorrekte Anspielungen, Ausdrücke und Aussagen, die zwischen den Zeilen erkennbar sind, in Ordnung gehen.

Also ist es in Ordnung in einem Text fallen zu lassen, dass die Freundin nervt? Ja, natürlich. Ist es in Ordnung die gleiche Aussage zu machen, aber anstatt „Freundin“ zu sagen ,sie stattdessen mit einem abwertenden Ausdruck zu bezeichnen? Und falls ja, wie abwertend oder vulgär darf dieser Ausdruck sein

 

Jugendliche haben heute über den freien Zugang zum Internet die Möglichkeit, sich Lieder anzuhören und Fotos und Filme anzusehen, die um ein Vielfaches fieser sind, als jeder Track, den ich bisher im Tonstudio aufgenommen habe. Die Frage für uns als Jugendeinrichtung ist natürlich, wie sehr wir unsere Macht als Dienstleister für etwas, das Jugendliche haben wollen und bei uns gratis bekommen, dafür ausnutzen, um auf die Inhalte der Lieder Einfluss zu nehmen. Du willst im Tonstudio aufnehmen? Ok, aber dafür gibt es Regeln, von denen wir nicht abweichen.

Damit ist die auch Frage gestellt, wie weitreichend wir als Jugendarbeiter eingreifen in die künstlerische Freiheit der Jugendlichen. Denn dass Eingriffe gelegentlich statt finden, ist unvermeidlich, alleine aus für mich persönlichen, psychohygienischen Gründen. Jugendliche, die in einem Text ellenlange vulgäre und beleidigende Aussagen machen, höre ich bei der Aufnahme einmal an und erkläre ihnen, dass ich mir dass einfach nicht mehrmals anhören möchte, und das wäre im Prozess des Abmischens der Aufnahmen notwendig. Und natürlich greift auch das Prinzip: keine Unterstützung für Scheiße, um mal selbst vulgär zu werden. Es ist nur sehr schwierig, abstrakt zu definieren, an welchem Punkt die Grenze zu setzen ist und letztendlich muss das von Fall zu Fall entschieden werden.

Tatsache ist, dass der Track von Snipez gut geschrieben und echt ordentlich gerappt ist und er einen lustig unterhaltenden Charakter hat. Ohne eine tiefer gehende Interpretation, die einen engen pädagogischen Fokus setzt, ist das Lied auch quasi harmlos und Millionen Meilen weit entfernt von dem, was z.B. die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien als jugendgefährdend einstufen würde.

Snipez

Snipez zeigt Gesicht und steht zu seinen Texten, im Gegensatz zu der vermummten Figur auf dem Shirt. 🙂

Fremdsprachen lernen durch Rapmusik – geht das?
Und welche Wörter lerne ich dabei?

Als nächste Besucher waren die beiden Jungs Remzi und Ewil da. Remzi kenne ich aus dem Abendcafe in Ratingen Homberg, das ebenfalls von der Mobilen Jugendarbeit in Ratingen initiiert worden ist. Das Abendcafe findet jeden Freitag ab 20 Uhr im Cafe du Nord statt und erfreut sich inzwischen so großer Beliebtheit, dass die Überlegung laut wird, ob Ratingen Homberg nicht auch ein eigenes Jugendzentrum zustünde. Remzi ist aus Mazedonien eingewandert und der deutschen Sprache noch nicht ganz mächtig, darum ist es um so cooler für ihn, dass er sich am Mikro in deutschem Rap übt. Als erstes versuchte er sich an einer Coverversion des Lieds „Lydia“ von Kurdo und anschließend an einer Coverversion des Lieds „Baba Tair“ von Romano Rap.

An dem Prozess der Aufnahmen mit Remzi ist mir bewusst geworden, dass es eine großartige Sache ist, die Sprache über Musiktexte kennen zu lernen. Auch wenn der Wortschatz eines Rap-Lieds überschaubar zu sein scheint, enthalten Rap_Tracks doch mehr Text als Lieder in jedem anderen Genre. Dass also die HörerInnen sogar bei Texten in der eigenen Muttersprache gelegentlich auf ein ihnen unbekanntes Wort treffen, ist nicht unüblich. Das gilt erst recht bei englischsprachigen Liedern, die in Deutschland aufwachsende Jugendliche in der gleichen Zeit ihres Lebens abfeiern, in der sie parallel in der Schule am Englischunterricht teilnehmen. Logischerweise wollen Jugendliche verstehen, was in den Liedern gesagt wird, die sie sich in die Ohren injizieren. Also schlagen sie die Wörter im Internet nach und erweitern auf eine spielerische Art ihr eigenes Vokabular. Das dürfte auf das Deutsche bezogen entsprechend auch für Remzi gelten, der aus seiner ursprünglichen Heimat Mazedonien nach Deutschland eingewandert ist, und dessen Liebe für Rapmusik sich nun darauf übersetzt, dass er jetzt auch deutschsprachige Rap_Musik hört.

Dass auch ich mein Vokabular werde erweitern müssen, wurde mir anschließend bewusst, als ich
das Lied von dem mazedonischen Rapper Romano Rap mit Remzi aufnahm. Dieses Lied ist auf mazedonisch gerappt und auch wenn ich dieser Sprache nicht mächtig bin, so verstehe und spreche ich polnisch und einige der oft wiederholten Wörter in „Baba Tair“ klingen verdächtig ähnlich, wie ein paar sehr unfeine polnische Schimpfwörter. In Zukunft werde ich mir vielleicht eine schwarze Liste anfertigen mit den allervulgärsten Ausdrücken der am meisten verbreiteten Sprachen der Welt. Anschließend lege ich diese Liste dem Jugendamt Ratingen vor und frage nach weiteren Ergänzungen. Ab da erkenne ich immer alles potenziell gefährliche, von Jugendlichen erschaffene jugendgefährdende Material und bin pädagogisch 100 % auf der sicheren Seite. 🙂

Ewil und Remzi

Ewil begleitete seinen Kumpel Remzi ins Aufnahmestudio

Entspannter Beat – Entspannte Flows

Paul und Maxime haben zusammen einen Track aufgenommen und das auf einem für Paul sehr typischen Beat. Die Instrumentals, die Paul sich für seine Texte aussucht, sind fast immer entspannt und lassen viel Platz zum Atmen. Sie sind gewissermaßen das, was als Oldschool bezeichnen werden kann, und sie passen auch sehr zu Pauls ausgeglichenem Wesen. Allerdings ist dieser Beat etwas aggressiver, als die meisten anderen, die er zuletzt für seine Lieder nutzte. Auch ist der Text weniger gedankenlastig als ich es von ihm in letzter Zeit gewohnt bin, aber trotzdem alles andere als platt.

Eine Interessante Angelegenheit ist, dass Rappern von außen natürlich nicht angesehen werden kann, ob bzw. dass sie eine intellektuelle Facette an sich haben und tiefe Gedanken in sich tragen und auch formulieren können. Anhand der Texte wird es offensichtlich. Aufgrund dessen arbeite ich gerne mit Paul zusammen, denn ich mag seine Texte sehr. Auch die Arbeit in der Aufnahmekabine funktioniert bei Paul immer sehr gut, da er die Aufnahmen meistens mit einem oder zwei Takes auf den Punkt bringt und dadurch die Zeit mit ihm äußerst effizient ist.

Ähnliches gilt für Maxime, auch wenn dieser sich hatte länger nicht mehr blicken lassen. Maxime hatte früher meist auf Beats gerappt, die ich als emotional aufgeladener beschreiben würde. Auf diesem Track mit Paul klingt er daher deutlich entspannter, als ich ihn sonst am Mikro kenne und das zeigte mal wieder, wie sehr die Musik den Text und die emotionale Haltung bei der Aufnahme beeinflusst.

Da Maxime ein paar Monate nicht mehr in der Aufnahmekabine stand, musste er der Motor erst wieder anlaufen. Die Takes saßen praktisch alle, aber in den ersten hatte er mehrmals am Ende irgendwo einen Versprecher. An dieser Stelle bleibt immer die Wahl, ob wieder von vorne aufgenommen werden sollte oder nur ab dem Punkt, an dem der Aussetzer war. Aufnahmen lassen sich ja zusammenschneiden. Bei dieser Aufnahme entschieden wir uns für eine Mischung aus beiden Methoden. Da wir für dieses Lied von jeder Strophe drei gute Aufnahmen haben wollten, nahmen wir eine, die aus zwei Aufnahmen zusammengeschnitten ist, und nahmen dazu noch zwei, die am Stück durchgerappt worden sind. Diese drei mischte ich zusammen, damit die Stimme sich besser im Raum verteilt und ein leichter Effekt von Weite erzeugt wird und die Stimme leicht dicker klingt. Dabei wird eine Stimmenspur in die Mitte des Stereobilds gelegt und die zwei anderen werden jeweils komplett nach links und rechts gesetzt und ganz leise gedreht. Auf diese Art entsteht ein sehr subtil wirkender Effekt, der bewusst fast gar nicht erkennbar ist. Die Stimme klingt dadurch jedoch angenehm und voll, aber nicht überladen, wie es unter Umständen der Fall wäre, wenn alle drei Aufnahmen in ähnlich hoher Lautstärke über oder nebeneinander gelegt werden würden.

Urteilt selbst

Paul, Maxime und Atilla

Alles relaxt – Paul, Maxime, Atilla

Alles neu machen? – NivoH und Sabato

Erst vor einer Woche war NivoH im Studio und hat eine Strophe aufgenommen, von der ich annahm dass sie alleine für sich stehen und veröffentlicht werden würde. Allerdings bewies das nur, wie schlecht ich den Leuten, die ins Tonstudio kommen, manchmal zuhöre. Als Sabato ins Tonstudio kam, um seinen vereinbarten Termin wahrzunehmen, und Nick für mich unerwartet daneben saß, dachte ich: OK, cool. Die zwei chillen also zusammen und unterhalten sich. Finde ich gut, wenn im Tonstudio Freundschaften entstehen. Dann fragte ich doch mal ganz unbedarft, ob denn jemand vorhätte, etwas aufzunehmen. Offenbar aber hatte mir Nick in der letzten Woche bereits erzählt, dass Sabato eine zweite Strophe beisteuern würde, so dass das ganze nicht nur 16 Zeilen plus Refrain, sondern ein ganzes Lied ergäbe. Und das empfand ich als ne coole Sache, da die Beiden gut zusammen auf einen Track passen.

Allerdings überlegte Nick, ob er die Aufnahme von letzter Woche wiederholen sollte, da ihm eine oder zwei Stellen nicht vollständig gefielen. Sabato und ich waren dagegen der Meinung, dass diese Stellen genau deswegen so gut waren, weil sie unperfekt waren. Die Aufnahmen, bei denen bei dem letzten Wort in der Zeile die Luft fast wegbleibt oder der Ton verrutscht, aber der emotionale Ausdruck und damit auch der Gesamteindruck passt, sind oftmals die Allerbesten von Allen. Unperfekt ist das Ziel jeder Kunst.

Also nahmen wir lediglich die Strophe von Sabato auf und an sich könnte ich jetzt viel zu dem Ergebnis der Aufnahmen schreiben, aber ey: hört es euch einfach an und bildet euch eine eigene Meinung.

 

Irgendwas hecken die da aus

Irgendetwas hecken die aus: NivoH und Sabato haben zusammen einen Track aufgenommen.

 

Alles neu machen – Vince und JBrown

Rob, Vince und JBrown

Und in der Zwischenzeit einfach mal einen Beat basteln – Rob, Vince und JBrown

Als letzte Besucher hatte ich Vince und JBrown im Studio, die eine Woche zuvor zusammen einen bilingualen Track aufgenommen haben. Die Aufnahmen, die wir gemacht hatten, fand ich persönlich gut, allerdings war JBrown letzte Woche erkältet und das hörte man auch ein Wenig raus. Das ändert aber nichts daran, dass die Aufnahme gut war. Die Aufnahme war flowig und auf den Takt und auch wenn sie verrotzt war: es klang trotzdem alles stimmig. Auf der anderen Seite kann ich es natürlich verstehen, wenn eine Person die Aufnahme wiederholen möchte, da sie nicht zufrieden ist.

Oftmals bin ich mit der Aufnahme des Rappers unzufrieden und empfehle ihm, die aufgenommene Version des Liedes als Probeaufnahme zu betrachten und mit nach Hause zu nehmen, um sie mehrmals an zu hören. Dadurch speichert sich der Text gut im Gedächtnis ab und der Rapper wird auf die eigenen Schwächen aufmerksam. Auf diese Art vorbereitet gilt es dann den Text noch weiter einzuüben, so dass die Fehler ausgemerzt werden und die nächste Aufnahme optimal sitzt.

Auf der anderen Seite ist Perfekt der Feind von Gut. In den allermeisten Fällen ist nämlich bereits bei den ersten drei Aufnahmen eine dabei, die optimal funktioniert. Das liegt auch daran, dass bei den ersten Aufnahmen der Rapper am meisten Bock auf den Text hat, er fühlt ihn noch ganz intensiv und füllt ihn mit Leben. Die Emotionen, die sich beim Schreiben entfalteten, kommen dann ganz stark durch und das überträgt sich auf die HörerInnen der Tracks. Das alte Sprichwort sagt: „Damit das Publikum deinen Track fühlt, musst du ihn selbst fühlen.“

Daher gilt es immer zu gucken, ob die Aufnahme perfekt ist, weil sie unperfekt ist, oder ob sie einfach noch schlecht ist und die Rapperin / der Rapper etwas mehr üben muss. Absolut perfekt ist ein Lied oder ein Album niemals, außer das letzte Album von Daft Punk oder die erste Solo-Platte von Jan Delay oder das „The Eminem Show“ Album, aber das ist eine andere Diskussion, die ich an dieser Stelle nicht aufmachen möchte.

All diese Gedanken machte ich mir, nachdem die Beiden ihren Track tatsächlich komplett neu aufgenommen hatten und ich die Aufnahmen mischte und miteinander verglich. Auch ihr könnt euch anhand der Snippets ein Bild davon machen und einen eigenen Vergleich anstellen.

Da der Tag zu diesem Zeitpunkt bereits fortgeschritten war und sich dem Abend zu neigte, war ich erschöpft und arbeitete inzwischen langsamer als vorher. Die Beiden nutzten die Zeit jedoch und nahmen das Angebot in Anspruch, nebenan bei Rob einen eigenen Beat zu basteln. Auch für euch ist dieses Angebot da, also wenn ihr einen eigenen Track aufnehmen oder ein Instrumental komponieren möchtet, dann meldet euch per Facebook an www.facebook.com/OffenesTonstudio oder per Email an info(at)lux-ratingen.de

Gangsta 4 Life ... oder so ähnlich.

Alle echten Gangsta gucken immer böse 🙂 – Vince, ich und JBrown

CU next week,
Chris aka L zum A zum N.